Die Tiki Taka Teams der Super League 2015 bis 2021

Der Ballbesitz-Anteil ist sicherlich eine gute Messgrösse, um die Spiel-Steuerungs-Dominanz einer Mannschaft auszuweisen. Denn während der Zeit in der man den Ball hat, kann man eigene Lösungen entwickeln, um Torchancen herauszuspielen. Während der Zeit in der man den Ball hat, kann der Gegner kein Tor erzielen. Während dem Ballbesitz ist auch die Chance geringer, dass man von einer Zufallsaktion im eigenen Strafraum bestraft wird.

Es gibt krasse Teams wie bspw. Manchester City unter Guardiola oder der FC Barcelona, die regelmässig 70% Ballbesitz erzielen. Und in einzelnen Spielen manchmal sogar über 80%. Das entspricht in einem Spiel einer Ballbesitz-Zeit von 72 Minuten.


Selbstverständlich ist die Höhe des Ballbesitz-Anteils auch eine bewusste strategische Entscheidung des Trainers. Viele Mannschaften überlassen dem Gegner bewusst den Ball und suchen den Erfolg mit Balleroberungen und schnellem Umschaltspiel. Darum kann ich mit der Formulierung "Die Führung ist aufgrund des Ballbesitzes verdient" nichts anfangen. Ich finde sie sogar unlogisch. Dafür sind die herausgespielten Chancen oder Expected Goals (xG) die viel bessere Messgrösse.


Trotzdem kann man sagen, dass das Team mit viel mehr Ballbesitz das Spiel in der eigenen Hand hat, das Spiel steuert, beherrscht und auch dominiert. Nicht das Resultat.



Die Erfinder des Tiki Taka

Unter Tiki Taka bezeichnet man das metronomische Kurzpassspiel mit einem hohen Ballbesitzanteil. Das ganze Team bildet ein enges Passnetzwerk und verschiebt sich gleichzeitig mit dem Ball. Damit ist man in der Lage, sich aus Drucksituationen mit kurzen schnellen Pässen zu befreien. Bei einem Ballverlust kommt ein weiterer Vorteil dazu. Durch die vielen Spieler in Ballnähe, kann man bei Ballverlust schnell und zahlreich ins Gegenpressing umschalten.


Streng genommen greift der Begriff "Ballbesitz" zu kurz. Aufgrund des heute verbreiteten Pressing und Gegenpressing, wäre für die Spielstrategie "Ballwiederbesitz" der bessere Ausdruck.


Die Erfinder des Kombinationsspiels

Als Erfinder des Pass- oder Kombinationsfussballs gelten die Schotten. Ja - die Schotten.


Die schottische Mannschaft im Jahr 1872.bild: historicalkits.co.uk
Die schottische Mannschaft im Jahr 1872.bild: historicalkits.co.uk

Fussball bestand in der Frühphase vorwiegend aus lang geschlagenen Bällen, Dribbeln und den Ball mit viel Kraft und Körpereinsatz vorwärts zu treiben. Im ersten Länderspiel 1872 zwischen Schottland und England fingen die Schotten erstmals an, vor den verwunderten Engländern, sich gegenseitig den Ball zuzuspielen. Damit erfanden sie das Passspiel bzw. das Kombinationsspiel, den Vorreiter des Tiki Taka. Danach wurde der Spielstil von den Holländern (Total Voetbal) und den Spaniern (Tiki Taka) weiterentwickelt und perfektioniert.



Catenaccio

Der Gegenentwurf zum Tiki Taka ist der Catenaccio. Der wurde übrigens nicht von den Italienern erfunden, sondern von den Schweizern. Der österreichische Trainer Karl Rappen coachte die Schweizer Nati an der WM 1938. Dabei entwickelte er den Rappen Verteidigungsriegel (aka Schweizer Riegel). Das war in der Fussballgeschiche der erste Ansatz eines kollektiven Defensivspiels. Wer hats erfunden?


Später war der Catenaccio in Italien die Bezeichnung eines bestimmten ultradefensiven Spielsystems, welches von Nereo Rocco (1947) mit Triestina eingeführt wurde. Die Blütezeit des Catenaccio folgte in den Jahren 1962 bis 1968. Der argentinische Trainer Helenio Herrera gewann mit “La Grande Inter” damit mehrere nationale und internationale Titel.


Erst mit schnellen und erfolgreichen Kontern erlangt der wüste Catenaccio zu seiner Schönheit. (wohl irgendwo aus Italien)

Im Jahre 1972 wurde Inter Mailand durch Ajax Amsterdam im Europapokal der Landesmeister mit Kurzpassspiel und Pressing (Total Voetbal) total beherrscht und besiegt. Die Zeitungen schrieben damals vom "Tod des Catenaccio". Mit diesem prägenden Ereignis wurde die Epoche des Tiki Taka eingeläutet.



Analyse Ballbesitz in den Super League Saisons 2015-16 bis 2021-22

Wir haben die Ballbesitzanteile der Super League Saisons 2015-16 bis 2021-22 analysiert.

Dabei haben wir pro Team die Anzahl Spiele mit einen Ballbesitzanteil von mindestens 60% gezählt. Wir gehen davon aus, dass ab einem Ballbesitz von 60% von Spielbeherrschung und Dominanz die Rede sein kann. Im folgenden Chart ist die Entwicklung der Anzahl Spiele >60% Ballbesitz dargestellt.


Anzahl >60% Ballbesitzspiele Super League 2015-2021


Was als erstes auffällt, ist dass die Kurve zuerst bis zur Saison 2017-18 sinkt und dann in der Tendenz kontinuierlich nach oben steigt. Die Anzahl Spiele mit ungleicher Ballbesitzanteile >60% hat im Verlauf der letzten Jahre zuerst abgenommen und dann aber kontinuierlich zugenommen.


Dies kann vielfältige Gründe haben.

Einerseits, dass sich die Spielphilosophie und die Präferenz der Vereine, Trainer und Teams zu mehr Ballbesitz gewandelt hat. Auch die nationalen Fussballverbände haben in den letzten Jahren die Trends der grossen UEFA Turniere zu mehr Ballbesitz aufgenommen und ihre Spielphilosophien und Trainer-Ausbildungen angepasst.

Aber auch, dass die Top Vereine immer mehr Macht haben und die finanziellen Unterschiede grösser geworden sind. Dadurch können sich in vielen Ligen, gleich mehrere Teams den anderen stark überlegene Kader leisten. Es ist in vielen Ligen regelrecht eine Zweiklassen-Gesellschaft entstanden. Durch den Super League Modus mit vier Spielen gegeneinander, verstärken sich die Unterschiede.


Die Ballbesitz-Dominanz Abnahme von 2015 bis 2017 entstand just während der Zeit, in der der FC Basel seine unangefochtene und langjährige Leaderposition einbüsste. Ab der ersten YB Meistersaison 2017-18 gab es in der Super League neu zwei Vereine, die gegenüber den anderen signifikant mehr Geld zur Verfügung hatten. Dies könnte die steigende Ballbesitz Tendenz ab der Saison 2017-18 erklären.


Generell ist die heutige Zeit, auch im Fussball, von finanzieller Ungleichheit geprägt. In der Bundesliga entspricht die Markwert-Summe von Bayern München, Dortmund und RB Leipzig praktisch dem Marktwert der übrigen fünfzehn Teams zusammen. In der Super League haben Basel und die Young Boys zusammen, fast den Marktwert der übrigen acht Teams zusammen.



Aktuelle Saison 2021-22 ist auf absolutem Rekordkurs

In der aktuellen Saison 2021-22 sind wir gemäss Hochrechnung auf absolutem Rekordkurs.

Grundsätzlich kann man die Teams in drei Kategorien einteilen:


Ballbesitz-Teams

Die Young Boys und Basel erzielen in jedem zweiten ihrer Spiele 60% Ballbesitz. Das sind hochgerechnet auf Ende Saison schon 36 Spiele. Beide Teams haben ihren Gegnern bisher noch nie mehr als 60% Ballbesitz zugestanden. Mit Luzern unter Celestini und Servette unter Geiger kommen zwei Teams dazu, deren Spielphilosophie auch auf viel Ballbesitz ausgerichtet ist. Diese Teams überlassen aber in einzelnen Spielen ihren Gegnern 60% Ballbesitz.


Ballbesitz-Umschaltteams

St. Gallen, Lugano und die Grasshopper haben bisher beide Ausprägungen gezeigt. Einzelne Spiele mit viel Ballbesitz, wechseln sich mit anderen, in umgekehrten Rollen ab.


Umschaltteams

Hingegen haben wir mit Sion (5), Lausanne (5) und Zürich (5) gleich drei Teams, die ihren Gegnern in fast jedem zweiten Spiel mehr als 60% Ballbesitz zugestanden haben und ihr Glück mit schnellem Umschaltfussball suchen. Der FC Zürich zeigt, dass man auch mit Umschaltfussball vorne mitspielen kann. Um aber bis am Ende um den Titel mitspielen zu können, fehlt nach unserer Meinung eine gute Portion strategischer Ballbesitz.



Wenn sich die Trends dieser Saison weiter bestätigen werden, wird das die wohl Ballbesitz-Ungleichste Super League Saison der letzten Jahre werden.



Welches ist das Tiki Taka Super League Team der letzte Jahre?

Es gab ein Kopf an Kopf Rennen zwischen Basel und den Young Boys. Während Basel in den Jahren 2015 bis 2018 noch die Nase vorne hatte, folgte danach eine Aufholjagd der Berner.

Schlussendlich küren wir die Young Boys mit 68 Spielen >60% Ballbesitz zum dominantesten Super League Team der Jahre 2015-21. Gratulation.



Ballbesitz Super League 2015 bis 2021

Der FC Basel folgt mit nur einem dominanten Spiel weniger, mit 67 Spielen auf Platz zwei. Das Kopf an Kopf Rennen geht also diese Saison weiter und die Basler haben die Möglichkeit, das Blatt zu ihren Gunsten zu wenden.


Die Statistik zeigt auch, dass in fünf von sechs Fällen (83%) immer das Team mit den meisten ">60% Ballbesitzspielen" die Meisterschaft gewann. Einzig in der Saison 2018-19 hatte der FC Basel zwei dominante Spiele mehr, als der Meister Young Boys..



Die dominanteste Super League Mannschaft seit 2015

Wenn wir uns über alle sechs vergangenen Saisons die dominantesten Teams anschauen, so sieht die Rangliste wie folgt aus. 1 Basel 2015-16, 15 Spiele, 83 Punkte, Urs Fischer

2 Young Boys 2017-18, 13 Spiele, 84 Punkte, Gerardo Seoane

3 Young Boys 2019-20, 13 Spiele, 76 Punkte, Gerardo Seoane




Ballbesitz in den TOP 5 Ligen

Wenn wir uns die Daten der aktuellen Saison in Europas TOP-5 Ligen anschauen, dann kommt spannendes zu Tage.


Barcelona hat von allen Teams durchschnittlich mit 66% am meisten Ballbesitz, liegt aber in Spanien momentan auf Position neun. Es folgen Manchester City (63%, Platz 3) Villareal (62%, Platz 13), Bayern (61%, Platz 1) und PSG (61%, Platz 1). Tendenziell sind die Teams mit viel Ballbesitz auch sehr weit vorne in der Tabelle platziert. Der aktuelle Top5-Ligaerste mit dem wenigsten Ballbesitz ist Chelsea in der Premier League mit 55%.

Das es auch anders geht, zeigen uns die Umschaltteams in der Bundesliga.

Dort liegt Mainz mit nur 43% auf dem fünften Platz und Union Berlin mit Urs Fischer mit nur 41% auf dem sechsten Platz.




Ballbesitz der aktuellen Super League 2021-22

In der laufenden Super League Saison 2021-22 ist die Rangliste des durchschnittlichen Ballbesitzens folgendermassen (Data:Wyscout):


Es ist keine Überraschung, dass vorne die Young Boys und Basel zu finden sind. Als Verfolger holen Servette und Luzern als Sechst- bzw. Neuntplatzierte zu wenig aus ihrem Ballbesitz heraus. Vielleicht muss man für den Ballbesitz Fussball klar besser sein, als der Gegner.


Die Grasshopper holen mit Platz 4 momentan mehr Zählbares aus ihrem Ballbesitz heraus.


Zürich zeigt unter Breitenreiter als Zweitplatzierter, dass es nicht immer viel Ballbesitz braucht, um erfolgreich zu sein.




Die verschiedenen Spielphilosophien und Strategien machen den Reiz und die Magie des Fussballs aus. Es gibt mehrere Ansätze und Möglichkeiten um erfolgreich zu sein.


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