Expected Threat Chain: Angriffsketten im Scouting datenbasiert bewerten
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- vor 20 Stunden
- 7 Min. Lesezeit

Von Expected Threat xT zur ganzheitlichen Offensivanalyse Expected Threat Chain xTC
Expected Threat (xT) hat sich als solide und aussagekräftige Metrik etabliert, um die offensive Wirkung einzelner Aktionen im Fussball messbar zu machen. xT zeigt, wie jeder Pass oder Ballvortrag den Ballbesitz dem Tor näherbringt und damit die Wahrscheinlichkeit eines Treffers erhöht, unabhängig davon, ob die Aktion mit einem Schuss endet.
Heute gehen wir einen Schritt weiter: Wir erweitern mit Expected Threat Chain (xTC) den Blick von einzelnen Pässen hin zu einer ganzheitlichen Betrachtung der Offensive. Neben klassischen Passaktionen rücken auch vorbereitende, verbindende und empfangende Aktionen in den Fokus, also die gesamte Kette der Ereignisse, die die Erhöhung der Torgefahr überhaupt erst ermöglichen.
Anhand Analysen aus verschiedenen Ligen und Teams zeigen wir, wie diese erweiterte xT‑Analyse im Scouting eingesetzt wird, um Raumgewinn, Entscheidungsqualität und Spielintelligenz datenbasiert zu bewerten. Die neue Perspektive macht im Scouting sichtbar, welche Spieler Angriffe initiieren, vorbereiten und ermöglichen, lange bevor der Ball im Netz landet.
Warum Schüsse und Tore zu wenig erzählen
Schüsse, Tore und Assists machen weniger als 1% aller Spielaktionen aus und eignen sich daher nur eingeschränkt zur objektiven Leistungsbewertung. Ganze 99% bleiben bei dem Fokus im Dunkeln. Zudem sind Schüsse und Tore stark vom Zufall abhängig.
Der Grossteil der offensiven Wirkung entsteht deutlich früher im Spielverlauf. Raumgewinn, Passentscheidungen, Freilaufbewegungen und die strukturelle Vorbereitung von Angriffen bestimmen, ob Abschlusssituationen überhaupt möglich werden. Genau diese Phasen entziehen sich klassischen Statistiken.
Im Fussball werden die wenigen spektakulären Aktionen wie Schüsse und Tore überbewertet, während die vielen kleinen Aktionen wie Pässe, Ballannahmen und Laufwege, die Chancen überhaupt erst möglich machen, unterbewertet.
Was Expected Threat (xT) misst
In der Vergangenheit haben wir euch das starke Expected Threat (xT) Konzept vorgestellt. Da Tore und Schüsse weniger als ein Prozent aller Spielaktionen ausmachen, braucht es eine Methode, um die Torgefahr durch Pässe zu bewerten. Expected Threat ermöglicht es, Raumgewinn und Torgefahr, die aus den zahlreichen Pässen entstehen, ganzheitlich zu analysieren.
Das Expected‑Threat‑Konzept wurde erstmals 2011 von Sarah Rudd eingeführt und 2018 von Karun Singh in die heute am häufigsten genutzte Form weiterentwickelt. Die Idee dahinter ist ebenso einfach wie wirkungsvoll: Die Wahrscheinlichkeit, in den nächsten Spielzügen ein Tor zu erzielen, hängt stark von der Position des Balls ab. Je näher er am Tor platziert ist, desto höher ist die Chance auf einen Treffer – eine nachvollziehbare Logik, die das Spielgeschehen greifbar macht.
Expected Threat unterteilt das Spielfeld in Zonen unterschiedlicher Torgefahr und bewertet jeden Pass anhand seines Start‑ und Zielpunkts mit einem entsprechenden Wert.

So sammelt jeder Spieler während eines Spiels auf seinem xT‑Konto kontinuierlich ein Guthaben. Vorwärtspässe bekommen einen höheren Wert. Spielt er oft Rückwärtspässe, wird seine xT‑Summe kleiner. Mit xT kann der Raumgewinn‑Beitrag aller Spieler ausgewiesen werden. xT ist sozusagen das Pass‑Konto. Es merkt sich nicht nur tolle Vorwärtspässe, sondern ganzheitlich die Summe des Raumgewinns.
In der Fussballanalyse werden häufig die wenigen auffälligen Ereignisse überbewertet, während die Vielzahl scheinbar banaler Aktionen kaum Beachtung findet. Genau hier setzt xT an. Denn mit diesem Ansatz wird jede einzelne Passaktion berücksichtigt und mit einem Wert versehen – unabhängig davon, wie unspektakulär sie auf den ersten Blick wirken mag.
Von Expected Threat xT zur Expected Threat Chain
Die besten Raumeroberer und Kreativspieler sind für Zuschauer und Fans ein Erlebnis und für jedes Team sowie jeden Trainer von unschätzbarem Wert. Sie treiben den Ball Richtung Tor, finden Räume wo keine zu sein scheinen und erkennen Passfenster, bevor sie sich schliessen. Sie bespielen jene Zonen, die neue Möglichkeiten öffnen. Jeder Zentimeter zählt.
Die Expected Threat Chain ist die logische Weiterentwicklung zu einer ganzheitlichen Sicht. Statt nur einzelne Pässe zu bewerten, analysiert sie komplette Angriffssequenzen und ordnet Passing, Assisting und Receiving ihren Beitragswerten zu. So wird sichtbar, wer Angriffe initiiert, stabilisiert und ermöglicht, auch ohne direkten Abschluss oder Assist.
Expected Threat Chain xT Chain Spielerwirkung entlang kompletter Angriffsaktionen
Die Expected Threat Chain zeigt den Einfluss von Spielern jenseits von Toren und Assists. Sie bewertet nicht nur den finalen Pass, sondern auch die raumöffnenden Aktionen davor sowie das richtige Freilaufen und Empfangen. Damit wird der Beitrag zum Raumgewinn und zur Entstehung von Torgefahr entlang der gesamten Aktion messbar und jene Spieler werden sichtbar, die das Spiel strukturieren und beschleunigen, lange bevor ein Schuss entsteht.
Das Konzept geht auf Ben Griffis zurück. Wir haben es weiterentwickelt und an unsere spielbezogenen Präferenzen angepasst. xT erfasst sonst nur den Pass, der direkt zur Progression oder Torgefahr beiträgt. Vorbereitende Pässe und Ermöglicher Aktionen bleiben oft unsichtbar. Auch das clevere Bewegen, um wertvolle Pässe empfangen zu können, bildet das klassische Modell kaum ab.
Genau deshalb erweitern wir xT um drei ergänzende Metriken für Passing, Assisting und Receiving.
Die zentralen Komponenten der xT Chain
xT Pass
Der direkte Passwert eines Spielers. Skill: Progressive und linienbrechende Pässe.
xT Assisted
Der Wert des vorhergehenden, raumöffnenden Passes. Skill: Raumöffnende Pässe, meist aus der Verteidigung oder dem Mittelfeld.
xT Received
Der Wert des Passempfängers für kluges Freilaufen und Ballannahme. Skill: Räume finden, Freilaufen und Ballannahmen in Zwischenräumen und in der Tiefe.
xT Chain Total
Die Summe aller drei xT‑Werte: Passing + Assisting + Receiving
Macht den gesamten Beitrag zur Torgefahr sichtbar.
Wenn man im Scouting für Verteidiger und Mittelfeldspieler nur das reine Passspiel betrachten möchte, kann man die Summe aus xT Pass und xT Assisted verwenden.
Expected Threat Chain Anwendung im Scouting und in der Spielanalyse
Auch im Scouting ist die xT Chain besonders wertvoll. Sie ermöglicht eine ganzheitliche Betrachtung von Passspiel und Passabnahme und erlaubt es, Spieler objektiv miteinander zu vergleichen.
Entsprechend unserer Spielphilosophie berücksichtigen wir ausschliesslich Aktionen aus dem offenen Spiel und schliessen Flanken bewusst aus, weil wir Flachpässe in den Strafraum präferieren.
Bei xT Chain geht es nicht darum, Spieler wie Wirtz, Salah oder De Bruyne zu entdecken. Sie gehören zur Weltklasse und stechen auch ohne smarte Metriken hervor. Im Fokus stehen vielmehr die weniger auffälligen Spieler und aufstrebenden Talente – jene, die noch nicht im grossen Rampenlicht stehen, aber durch ihre konstanten Beiträge mit xT Chain sichtbar werden. Ein weiterer Vorteil ist der Benchmark. Dadurch lässt sich erkennen, wie stark sich Spieler in ihren einzelnen Beiträgen voneinander unterscheiden.
Beispielanalyse – WM 2022 Final Argentinien vs Frankreich
Hier eine erste Beispielanalyse anhand des WM‑Finals 2022: Anhand der xT Chain‑Werte lässt sich erkennen, wer Bestwerte bei Passing, Assisting, Receiving und xT Chain Total erzielt hat. Assisting lässt die smarten Vorbereiter der wertvollen Pässe leuchten, während Receiving die Ballannahmen in der Tiefe des Raums belohnt.

Expected Threat Chain Bundesliga 25-26
Bei den xT Werten handelt es sich um p90 bereinigte Werte. Berücksichtigt wurden Spieler mit mindestens 600 Minuten Einsatzzeit nach 15 Runden.

Lennart Karl ist mit 17 Jahren der Bundesliga Topspielern in zentralen xT Metriken. In Bereichen wie xT Received und Progression bewegt er sich in einem Alterssegment, das sonst nur absolute Ausnahmetalente erreichen. Das unterstreicht sein aussergewöhnliches Niveau und seine Relevanz auf höchstem nationalem Level.
Wie wir Lennart Karl mit Daten schon in der U17 identifiziert haben und wie ähnlich er Ousmane Dembele ist, erfahrt ihr im englischen Artikel: Discovering the Stars of Tomorrow: How Algorithms Transform Scouting
Expected Threat Chain Super League 25-26
Bei den xT Werten handelt es sich um p90 bereinigte Werte. Berücksichtigt wurden Spieler mit mindestens 600 Minuten Einsatzzeit nach 19 Runden.

Der Routinier Miroslav Stevanovic (35) mit klarer Handschrift. Stevanović steuert das Spieltempo, liefert konstanten xT Output im Passspiel und ist gleichzeitig stark im Finden von Räumen zwischen den Linien. Hohe Wiederholbarkeit, saubere Entscheidungsfindung, wenig Streuung. Genau der Spielertyp, der dem Spiel Struktur gibt und junge Spieler besser macht. Immer noch eine Klasse für sich.
Expected Threat Chain Austrian Bundesliga 25-26
Bei den xT Werten handelt es sich um p90 bereinigte Werte. Berücksichtigt wurden Spieler mit mindestens 600 Minuten Einsatzzeit nach 17 Runden.

Mit 21 Jahren bereits physisch und strukturell reif. Moussa Kounfolo Yeo kombiniert hohe Intensität gegen den Ball mit sauberer Progression im Aufbau. Sein xT kommt weniger aus Dominanz am Ball, sondern aus Timing, Dynamik und klugen Tiefenläufen. Typischer Red Bull Mittelfeldspieler mit klarer Entwicklungsperspektive auf höherem Niveau.
Expected Threat Chain Arsenal 25-26
Wir können xT Chain natürlich auch auf Teamebene anwenden. Hier die Arsenal Analyse nach 18 Runden nicht p90 bereinigt..

Expected Threat Chain FC Thun 25-26
xTC auf Teamebene FC Thun in der Super League 25-26 nach 20 Runden (nicht p90 bereinigt)

Expected Threat Chain Premier League 25-26
Bei den xT Werten handelt es sich um p90 bereinigte Werte. Berücksichtigt wurden Spieler mit mindestens 600 Minuten Einsatzzeit nach 20 Runden.

Omari Hutchinson (22, RAMF) Nottingham Forest gehört zu den "stillen" Gewinnern der Premier-League-Saison 25–26. Unauffällig im Auftritt, aber auffällig im Effekt. Seine Progressivpässe und das kluge Freilaufen zwischen den Linien erhöhen konstant die Expected Threat seines Teams. Vor allem durch seine überragenden und smarten Pre-Pässe macht er den Unterschied. Ein Spieler der mit herkömmlichen Metriken und auch xT durch das Raster fällt. Hutchinson sucht Räume und überzeugt mit Timing, Sauberkeit im Passspiel und hoher Spielintelligenz. Ein Spieler, der Spiele besser macht, ohne sie an sich zu reissen. Genau deshalb ist er eine der grossen Überraschungen der Saison.
Fazit: Expected Threat Chain xTC im Scouting
Die Expected Threat Chain ist eine konsequente Weiterentwicklung des xT Modells. Durch die Einbeziehung von Pre-Pässen und Ballannahmen ermöglicht sie eine ganzheitliche Betrachtung des Spielerbeitrags in Angriffsketten.
Expected Threat Chain macht sichtbar, wie Spieler durch kluge Passentscheidungen, raumöffnende Voraktionen und präzises Freilaufen den Grundstein für erfolgreiche Angriffe legen.
In der klassischen Ereignisanalyse werden einzelne Aktionen wie Pässe oder Dribblings getrennt bewertet. Dieses isolierte Bewertung vernachlässigt jedoch, dass viele Spielzüge aus verketteten Aktionen bestehen, deren Wert oft erst im Zusammenspiel entsteht. Expected Threat Chain berücksichtigt das und schaut auf die ganze Ereignisskette.
Gerade im Scouting bietet dieser Ansatz grosse Vorteile. So lassen sich Spieler identifizieren, die regelmässig spielbestimmende Voraktionen leisten und deren Beitrag in klassischen Kennzahlen oft verborgen bleibt. Ein klarer Fortschritt für datengestütztes Scouting und Teamplanung.
Die Zukunft der datenbasierten Fussballanalyse liegt im Verständnis von Raumgewinnketten, nicht nur im Blick auf den finalen Schuss oder Assist.
Expected Threat Chain Infografik

Hier der Artikel auch als AI Podcast
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