"Brasilianische Spieler sind technisch versiert..."

Lies folgende Notizen zu einem Spieler:

  • Spielt auf der linken Aussenbahn und zieht mit seinem starken rechten Fuss gerne in die Mitte

  • saubere und enge Ballführung

  • stark im offensiven 1 gegen 1

  • schnell auf den ersten Metern (guter Antritt)


Nun schliesse die Augen und stelle dir den Spieler bildlich vor; wen siehst du? Ist der Spieler gross oder eher klein? Hat er Nike-Schuhe? Und wie trägt er seine Schienbeinschoner? Vergleichst du ihn mit einem anderen Spieler? Ich bin mir sicher, dass jeder von uns ein anderes Bild vor Augen hat und das ist menschlich.

Unser Gehirn ist äusserst effizient und nutzt gewisse Muster, um Ressourcen zu sparen. Es filtert wesentliche Merkmale aus einer Wahrnehmung und vergleicht es mit bereits Gespeicherten und Erlernten. Der Rest wird nicht bearbeitet. Aus diesem Prozess resultiert aber auch seine Fehleranfälligkeit.


Niemand ist geschützt von diesen unbewussten Vorurteilen und auch im Scouting, ob mit Daten, über Video oder vor Ort, können Scouts über solche Denkfehler stolpern. In diesem Blogartikel wollen wir uns einige dieser kognitiven Verzerrungen unter die Lupe nehmen und mit Beispielen aus dem Scouting illustrieren.



Mini-Me-Effect

Die meisten Scouts sind ehemalige (Profi-) Fussballer und waren bzw. sind vom eigenen Spielstil überzeugt. Der frühere Abräumer im Mittelfeld bevorzugt den Spieler, der viele Bälle erobert und durch seine kämpferische Natur auffällt. Der pensionierte Knipser hat eine Schwäche für den jungen Stürmer, der wie er früher sich im Strafraum zuhause fühlt und den Ball in die Maschen schiesst. Dies kann auch konträr dazu führen, dass zum Beispiel der "Abräumer im Mittelfeld" den kreativen Offensivspieler weniger gut einschätzen kann.


Unter Mini-Me-Effect oder Ähnlichkeitseffekt versteht man die Tendenz, dass Ähnlichkeit Sympathie schafft, wie es in der Redensart zum Ausdruck kommt: „Gleich und gleich gesellt sich gern.“ Menschen fühlen sich stark zu Gleichgesinnten im physischen und sozialen Erscheinungsbild hingezogen.



Anchor-Bias

Der Ankereffekt wird wie folgt auf Wikipedia beschrieben: "...den Effekt, dass Menschen bei Entscheidungen von Umgebungsinformationen beeinflusst werden, ohne dass ihnen dieser Einfluss bewusst wird. Die Umgebungsinformationen werden als der „Anker“ bezeichnet, an dem sich die Entscheidung orientiert. Umgebungsinformationen können selbst dann einen Einfluss haben, wenn sie für die Entscheidung eigentlich irrelevant sind."

When I see something that I think I know, I rashly take a shortcut and trust my experience. But this makes it impossible for me to reflect and discover something new.

Hier kann ich ein persönliches Beispiel nutzen, und zwar hörte ich im Cafè eines berühmten Super League Clubs, dass der grosse FC Bayern München an einem U18 Spieler interessiert sei, den ich mir heute genauer ansehen wollte. Während dem Spiel überzeugt er mich nicht ganz, aber trotzdem spürte ich, dass diese Information über den FC Bayern München etwas in meinem Unterbewusstsein auslöste. "Vielleicht täusche ich mich und der Spieler ist gut! Der deutsche Rekordmeister ist interessiert". Und genau diese Umgebungsinformation hat einen Anker gesetzt, obwohl er keinen Einfluss auf meine Einschätzung des Spielers haben sollte.



Confirmation-Bias

Das menschliche Gehirn ist nicht gut, Dinge zu sehen, die wir nicht erwarten und etwas zu begierig darauf, das zu sehen, was wir zu sehen erwarten. Dies nennt man in der Koginitionspsychologie: Bestätigungsfehler und bezeichnet die Neigung, Informationen so auszuwählen, zu ermitteln und zu interpretieren, dass diese die eigenen Erwartungen erfüllen (bestätigen).


"Die meisten Einstellungsgespräche sind reine Zeitverschwendung, weil 99,4% der Zeit mit der Bestätigung des Eindrucks verbracht werden, den der Interviewer zuvor gewonnen hat " Laszlo Bock, Ex-Personalchef von Google.


People tend to interpret new information in such a way that is compatible with existing theories, perceptions and convictions.


Wenn der Scout den Spieler nicht mag heisst es: "... der dribbelt zu viel", aber wenn ein Scout in mag, heisst es vielleicht "... er ist mutig und versucht stets Überzahl zu erzeugen mit Dribblings". Übrigens kann dies auch im Umgang mit Daten passieren. Welche Daten nutze ich und wie interpretiere ich diese? Tu ich es, um meinen Eindruck zu bestätigen oder widersprechen?



Halo-Effekt

Ich nehme an (und hoffe) dieser Effekt beeinflusst die meisten Scouts nicht, aber trotzdem hat man gewisse Stereotypen auch im Fussball, die sich im Unterbewusstsein einnisten. Aber wenn die Scouts einen Spieler akribisch, mehrmals und strukturiert beobachte, werden solche Stereotypen entgegengewirkt. Auf was für Stereotypen beziehe ich mich?


Wir sehen einen grossen, kräftigen Stürmer und gehen automatisch davon aus, dass er kopfballstark und ist, technisch nicht so versiert. Dies ist der Halo-Effekt (dt. Heiligenschein), bei dem ein einzelnes Merkmal eines Spielers so dominant wirkt, dass andere Merkmale in der Beurteilung dieses Spielers stark in den Hintergrund gedrängt werden. Oder ausgehend von dem gewählten Merkmal auf weitere Eigenschaften des Spielers geschlossen, ohne dass hierfür eine objektive Grundlage vorliegt.


Wie kann man Biases im Scouting bekämpfen

Biases sind kognitive Verzerrungen, die sich in unseren unbewussten Wahrnehmungsprozessen verankern. Sobald wir einen Bias verankert haben, fallen wir sehr oft in dieses Muster zurück. Korrigieren können wir diese Mechanismen, wenn wir uns ihrer bewusst werden und unsere Wahrnehmungen (im Scouting unsere Beobachtungen) zu hinterfragen.


Im Scouting gibt es weitere Methoden, um diesen kognitiven Verzerrungen entgegenzuwirken.

Ein Verein sollte Daten nutzen in der Identifizierung und Beurteilung von möglichen neuen Spielern. Die Datenanalyse hat nicht das Ziel die Scouts zu ersetzen. Vielmehr bietet die Datenanalyse eine wertvolle Ergänzung zu den Talent-Identifikations Fähigkeiten der Scouts.


Ausserdem haben Daten haben keine Lieblingsteams oder Spieler. Die Leistung wird über die gesamte Zeitspanne so eingeschätzt, wie sie war. Die Gefahr der Wahrnehmungsfehler wird durch die zusätzliche Sicht auf die Daten reduziert.


Doch wie vorhin erwähnt, müssen auch bei der Benutzung von Daten vorsichtig sein, denn auch hier könnten Wahrnehmungsfehler entstehen. Zuerst sollte man die Daten verstehen und richtig interpretieren, Ausserdem empfehlen wir pro Position KPI's zu definieren, damit sichergestellt wird, dass für alle Spieler die gleichen Werte benutzt werden. Ähnlich wie in der Rekrutierung in der Privatwirtschaft, da werden auch die selben Fragen gestellt, damit man die Bewerber/innen miteinander vergleichen kann.


Bei der Datenanalyse geht es darum nach Fakten zu suchen, die die eigene Hypothese stützen. Oft wird aber verdrängt auch nach Daten zu suchen, die die Hypothese in Frage stellen oder widerlegen.

Es lohnt sich auch (wenn es finanziell und ressourcentechnisch möglich), dass mehrere Scouts einen Spieler beurteilen. Dies sollte aber geschehen ohne vorherigen Austausch, um genau weitere Biases zu vermeiden. Was heutzutage bereits oft gemacht wird, sind Referenzen bei ehemaligen Trainern oder Mitspieler einzuholen, was sehr hilfreich ist, aber auch bei diesen Referenzgesprächen ist es enorm wichtig, sich zu hinterfragen, ob die andere Person voreingenommen sein könnte, weil er die Person speziell mag (oder nicht).



Daryl Morey, Nerd-Hero der Houston Rockets

Im 2007 wurde Daryl Morey der erste General Manager in der NBA ohne professionellen Basketball-Hintergrund. Der damalige Besitzer, Leslie Alexander wollte das traditionelle Scouting mit der Nutzung von Daten verbessern. Der frühere Ernst & Young- Consultant, wollte von Beginn an, die typischen Beurteilungsfehler seiner Scouts bekämpfen, in dem mehr und alle möglichen Daten eingesetzt wurden. Aber nicht nur das, er hat auch einige Regeln eingeführt, um weitere Denkfehler zu vermeiden und in diesem Artikel möchte ich auf zwei dieser Regeln eingehen.


Als Erstes durften man den Spieler keine Spitznamen geben, wenn man in einem Meeting über diesen spricht. Der Grund war, dass man sich Marc Gasol entwischen liess, da er aufgrund eines alten Strandfotos mit dem Spitzname "Man Boobs" gestempfelt wurde. Dies setzte einen Anker, den Daryl Morey zu Beginn nicht wollte und konnte bekämpfen. Eine weitere Regel, die Daryl einführte, war das Verbot von rassenübergreifende Vergleiche von Spielern. Solche Vergleiche können zu unterschiedlichen Wahrnehmungsfehlern führen.


Dieser Punkt wird übrigens auch von Mino Raiola in einem anderen Kontext angesprochen:

"Es gibt auch eine unbewusste Diskriminierung. Wir denken, wir denken richtig, aber wir haben Stereotypen, die wir rechtfertigen. Wenn mich Leute nach einem schwarzen Spieler fragen, fragen sie immer: "Ist er wie ...? Und dann vergleichen sie ihn mit einem anderen Spieler.


Ist er wie Pogba? Ist er wie Balotelli? Ist er wie Lukaku? Ich höre nie eine Frage: Ist er wie die Toivonen? Oder ist er wie Ibra? Oder ist er wie Beckham?"


Hier findet ihr noch den ausführlichen Artikel über Daryl Morey und seine eingeführten Scouting-Methoden bei den Houston Rockets.


“Your mind needs to be in a constant state of defense against all this crap that is trying to mislead you,” Daryl Morey



footballytics – mit smart data die besseren Entscheidungen treffen

Wir verbinden die Kompetenzen Fussball-Taktik, Scouting und Data Analytics und unterstützen Vereine beim Interpretieren und Nutzen von Daten, um im Scouting und in der Spielanalyse datenvalidiert bessere Entscheidungen zu treffen.


Fussball und Daten und nicht Daten und Fussball.

 

Blog von www.footballytics.ch Über Data Analytics Themen im Fussball - improve the game - change the ǝɯɐƃ

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